Notturno
Er
hat sich, - oder besser: ist, hingelagert. Quasi quer über zwei Sessel, die
Flasche Bier in der ruhenden Hand, das Hemd leicht geöffnet, das Jackett
zerknüllt irgendwo unter ihm. Das begann er zu spüren, doch leicht nur. Kein
Grund zur Beunruhigung.
Im
Nebenzimmer klapperten die Würfel auf den Holztisch, und dann: benachbart, ein
Paar im Ansaugestadium. „Ach die ...“ entfuhr es ihm blubbernd in einer
Mischung aus Rezitation, Trunkenheit, Erinnerung und Zufriedenheit mit seiner
Position, da wo er lag mit geschlossenen Augen, den Kopf im Nacken.
Dieser
Ort war geradezu gemacht für ihn und überhaupt. Diese ganze Farbe, die Geräusche
sprachen ihn an, dieses ganze gemächliche Gewurschtel und Atmen um ihn herum.
Nicht zu viel, nicht zu wenig. Etwas Grün, ein Kastanienast, auf dem Klavier,
an dem ein Kerl der angeheuert war irgendwas zu spielen, irgendwas.
Er
war nicht betrunken. Ach, gottbewahre! Wenn es ihm nur darum gegangen wäre! Wer
trinkt schon Bier hier in diesem Milieu wenn er besoffen sein will! Besoffen
ist man, wenn man es nicht mehr ertragen kann. Und manchmal muss man sich auch
besaufen, ja, eben nicht trinken, besaufen. Aber hier? Nein, das wäre dann eben
nicht mehr zu ertragen gewesen. Aber er war ja gerade hier um es zu ertragen,
es erträglich zu finden. Nicht unerträglich, das war etwas ganz anderes, nein
nein, aber endlich Daseinsschwund und Seelenausglanz; geht alles unter in
Nebulosem und eben auch etwas Alkohol. Da versinken allmählich die
Denkprozesse. Und der Brechreiz, der ihn tagsüber wie Seekrank durch die
Stunden schlingern lässt.
Das
ist kein Feierabend. Das ist sein Bad in der Menge, sein davonschippern in die
Nebelbänke. Und es war gut.
Eingehüllt
in den Pelz kalter Gedanken über Klavierspieler, Knutschereien und sein
nächstes Bier – es würde das dritte sein – spürte er unvermittelt das
Hinzutreten von etwas Neuem. Es war die Wärme eines Mannes der sich mit federndem
Schritt seiner bequemen Position näherte. Er war gerade erst zur Tür
hereingekommen und setzte sich nun in den verbleibenden dritten Sessel am Tisch
auf dem allerlei Rauchzeugs ausgebreitet lag.
„Ach
Du.“ Verpuffte seine Begrüßung im Salon. Er winkte ab. Das hätte auch er sagen
können; wer war eigentlich egal, man merkte es weder, noch erinnerte man sich
dessen. Es konnte auch sein, dass er immer schwieg und er immer Begrüßte. Oder
umgekehrt.
Bier
wurde geordert. Drei. Eins für ihn, zwei für jenen. Er war im Rückstand, zahlen
musste er sowieso. Keiner rührte den Tabak an. Aber es war gut, ihn dort liegen
zu haben. Man konnte nie wissen, wann man plötzlich rauchen wollte. Dann nicht
zu können war müßig, ein Elend. Er schob den Haufen beiseite und lagerte leger
seine Beine über den Tisch. Er drehte sich doch eine. Das Bier kam, man
fuchtelte Symbolisch dem anderen zu, geschlossenen Auges, trank dann. Hing
wieder.
Der
Klavierspieler ging austreten. Die Stille fiel auf, man beäugte für einen
Augenblick den Ast auf dem Klavier, den Schlüssel der daneben lag und mit dem
gerade der Spieler den Tastendeckel abgeschlossen hatte. Das war Vorschrift.
Zurücksinken.
Warten auf die Musik. Nippen, erneutes Zutrinken, Abaschen. Immer wieder
Abaschen. Dann war sie wieder da, die Musik. Darauf hatte er gewartet.
„Du“
sprach er. Wer war egal - ihnen beiden.
„Mhm“
antwortete es erneut schluckend als Aufforderung, auf die er gewartet hatte.
„Glaubst
Du, wir gehen unter?“ Er schwieg. Das gehörte dazu, irgendwie. Man brauchte
Zeit sich zu besinnen darüber, was gesagt wurde. Auch vergaß man darüber nicht
selten, wer gefragt hatte und antwortete selbst.
„Möglich.
Möglich ist alles. Alles nur eine Zeitfrage.“
Ein
kurzes Insichhieneinlächeln verband beide. War es das, weshalb sie gekommen
waren?
Beide
dachten sie das gleiche, das wussten sie. Daher diese wohlige Beliebigkeit. War
einer zu faul zum reden, genügte des anderen Rede.
„Zeit?
Angesichts von Ozeanen?“
In
dem Moment war Ozean das wohl souveränste Wort, das auszudenken war.
Der
gefragt hatte schalt sich der Frage wegen. Das hätte er wissen müssen, hatte es
gewusst.
„Die
waren doch vorher. Vor Bewusstsein und Empfängnis“ Er hatte das Bier zur Seite
gestellt um besser mit den Armen gestikulieren zu können. So umsichtig war er.
„Da
fischte noch keiner herum nach Ungeheuern. Oder litt tiefer als drei Meter.“
Erneut
Getrinke, Geschlucke. Abaschen. Dann eine Pause. Rauchte. Rauchte, drückte die
Zigarette aus, bestellte noch zwei Bier, jedem eins. Sagte:
„Und
das ist wenig.“

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