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Sonntag, 10. Juni 2012

Assignment on the poem of the same name by Gottfried Benn a few years back in a creative writing course.


Notturno

Er hat sich, - oder besser: ist, hingelagert. Quasi quer über zwei Sessel, die Flasche Bier in der ruhenden Hand, das Hemd leicht geöffnet, das Jackett zerknüllt irgendwo unter ihm. Das begann er zu spüren, doch leicht nur. Kein Grund zur Beunruhigung.
Im Nebenzimmer klapperten die Würfel auf den Holztisch, und dann: benachbart, ein Paar im Ansaugestadium. „Ach die ...“ entfuhr es ihm blubbernd in einer Mischung aus Rezitation, Trunkenheit, Erinnerung und Zufriedenheit mit seiner Position, da wo er lag mit geschlossenen Augen, den Kopf im Nacken.
Dieser Ort war geradezu gemacht für ihn und überhaupt. Diese ganze Farbe, die Geräusche sprachen ihn an, dieses ganze gemächliche Gewurschtel und Atmen um ihn herum. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Etwas Grün, ein Kastanienast, auf dem Klavier, an dem ein Kerl der angeheuert war irgendwas zu spielen, irgendwas.
Er war nicht betrunken. Ach, gottbewahre! Wenn es ihm nur darum gegangen wäre! Wer trinkt schon Bier hier in diesem Milieu wenn er besoffen sein will! Besoffen ist man, wenn man es nicht mehr ertragen kann. Und manchmal muss man sich auch besaufen, ja, eben nicht trinken, besaufen. Aber hier? Nein, das wäre dann eben nicht mehr zu ertragen gewesen. Aber er war ja gerade hier um es zu ertragen, es erträglich zu finden. Nicht unerträglich, das war etwas ganz anderes, nein nein, aber endlich Daseinsschwund und Seelenausglanz; geht alles unter in Nebulosem und eben auch etwas Alkohol. Da versinken allmählich die Denkprozesse. Und der Brechreiz, der ihn tagsüber wie Seekrank durch die Stunden schlingern lässt.
Das ist kein Feierabend. Das ist sein Bad in der Menge, sein davonschippern in die Nebelbänke. Und es war gut.
Eingehüllt in den Pelz kalter Gedanken über Klavierspieler, Knutschereien und sein nächstes Bier – es würde das dritte sein – spürte er unvermittelt das Hinzutreten von etwas Neuem. Es war die Wärme eines Mannes der sich mit federndem Schritt seiner bequemen Position näherte. Er war gerade erst zur Tür hereingekommen und setzte sich nun in den verbleibenden dritten Sessel am Tisch auf dem allerlei Rauchzeugs ausgebreitet lag.
„Ach Du.“ Verpuffte seine Begrüßung im Salon. Er winkte ab. Das hätte auch er sagen können; wer war eigentlich egal, man merkte es weder, noch erinnerte man sich dessen. Es konnte auch sein, dass er immer schwieg und er immer Begrüßte. Oder umgekehrt.
Bier wurde geordert. Drei. Eins für ihn, zwei für jenen. Er war im Rückstand, zahlen musste er sowieso. Keiner rührte den Tabak an. Aber es war gut, ihn dort liegen zu haben. Man konnte nie wissen, wann man plötzlich rauchen wollte. Dann nicht zu können war müßig, ein Elend. Er schob den Haufen beiseite und lagerte leger seine Beine über den Tisch. Er drehte sich doch eine. Das Bier kam, man fuchtelte Symbolisch dem anderen zu, geschlossenen Auges, trank dann. Hing wieder.
Der Klavierspieler ging austreten. Die Stille fiel auf, man beäugte für einen Augenblick den Ast auf dem Klavier, den Schlüssel der daneben lag und mit dem gerade der Spieler den Tastendeckel abgeschlossen hatte. Das war Vorschrift.
Zurücksinken. Warten auf die Musik. Nippen, erneutes Zutrinken, Abaschen. Immer wieder Abaschen. Dann war sie wieder da, die Musik. Darauf hatte er gewartet.
„Du“ sprach er. Wer war egal - ihnen beiden.
„Mhm“ antwortete es erneut schluckend als Aufforderung, auf die er gewartet hatte.
„Glaubst Du, wir gehen unter?“ Er schwieg. Das gehörte dazu, irgendwie. Man brauchte Zeit sich zu besinnen darüber, was gesagt wurde. Auch vergaß man darüber nicht selten, wer gefragt hatte und antwortete selbst.
„Möglich. Möglich ist alles. Alles nur eine Zeitfrage.“
Ein kurzes Insichhieneinlächeln verband beide. War es das, weshalb sie gekommen waren?
Beide dachten sie das gleiche, das wussten sie. Daher diese wohlige Beliebigkeit. War einer zu faul zum reden, genügte des anderen Rede.
„Zeit? Angesichts von Ozeanen?“
In dem Moment war Ozean das wohl souveränste Wort, das auszudenken war.
Der gefragt hatte schalt sich der Frage wegen. Das hätte er wissen müssen, hatte es gewusst.
„Die waren doch vorher. Vor Bewusstsein und Empfängnis“ Er hatte das Bier zur Seite gestellt um besser mit den Armen gestikulieren zu können. So umsichtig war er.
„Da fischte noch keiner herum nach Ungeheuern. Oder litt tiefer als drei Meter.“
Erneut Getrinke, Geschlucke. Abaschen. Dann eine Pause. Rauchte. Rauchte, drückte die Zigarette aus, bestellte noch zwei Bier, jedem eins. Sagte:
„Und das ist wenig.“

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